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Vor aller Augen
Martina Clavadetscher
Unionsverlag
2022
Auf unterhaltsame Weise lässt Martina Clavadetscher in ihrem Buch „Vor aller Augen“ 19 Frauen zu Wort kommen, die je auf einem bekannten Bild zu sehen sind, deren Namen aber nicht darunter stehen. Beginnend mit dem Bild „Dame mit Hermelin“, gemalt um 1489 von Leonardo da Vinci, bis zum Bild „Alice Childress“ aus dem Jahr 1950 von Alice Neel, gibt sie jeder Frau eine Stimme und lässt sie in der Ich-Form erzählen. Was als Theaterauftrag begann, hat sie zu einem Buch weiterverfolgt. Entstanden ist eine originelle Zusammenstellung durch fünf Jahrhunderte, durch viele Gesellschaftsschichten und verschiedene Kontinente. Vieles ist Fiktion, basierend auf Fakten, und doch werden wir bei jedem Bild von Jan Vermeer künftig an seine Tochter denken, die ihre Bilder als seine ausgab und teuer verkaufte. Jedes Bild braucht eine Geschichte, lebt durch sein Mysterium, und niemand würde wollen, dass sich das Rätsel löst und der Zauber verschwindet. Ein beeindruckendes Buch!
Schaut, wie wir tanzen
Leila Slimani
Luchterhand
2022
Nachdem sie in ihrem Roman „Das Land der Anderen“ das Leben des Ehepaars Mathilde und Amine Belhaj (sie Elsässerin, er Marokkaner) erzählte, welche in Marokko eine Farm aufbauten und durch viel Arbeit zu einem gewissen Wohlstand kamen, ist nun die Geschichte ihrer Tochter Aicha im Vordergrund. Aicha ist die erste in der Familie, die in Frankreich Medizin studiert und die nach vier Jahren Aufenthalt in Strassburg im Sommer 1968 nach Marokko zurückkehrt. In Frankreich gehen die Studenten auf die Strasse, der Ruf nach gesellschaftlichen Veränderungen wird laut, doch in Marokko scheint alles still zu stehen. Die Farm von ihrem Vater floriert zwar, ihre Familie jedoch fällt auseinander. Jeder wird zum Einzelkämpfer. Ihr Bruder verschwindet in einer Hippiekomune, ihr Onkel arbeitet beim Geheimdienst, ihre Cousine wird nach dem Tod ihres Vaters in ein Internat gesteckt und ihre Tante flieht aus der Enge der Familie in die Prostitution. In einer Bar in Casablanca lernt Aicha den brillanten Wirtschaftsstudenten Mehdi, den alle „Karl Marx“ nennen, kennen. Mit ihm wird sie ihr Leben verbringen und versuchen, den Zwängen der Gesellschaft zu entkommen, was ihr nur halbwegs gelingt, obwohl sie weiterhin als Ärztin arbeitet. Leila Slimani beschreibt das Leben der marokkanischen Oberschicht, welche wie die Kolonialisten aus Frankreich ihr Leben gestalten, beschreibt, wie sie ebenso dem Alkohol zugeneigt sind, Feste feiern, wie sie tanzen. Und die mittellosen Bauern schauen dabei zu, Zaungäste im eigenen Land. Auch wenn der Roman manchmal fast zu vielschichtig ist und man gerne mehr über die einzelnen Figuren erfahren möchte, nimmt er einen in einer unterhaltsamen Weise mit in die marokkanische Gesellschaft der 60er Jahre. Eine gelungene Fortsetzung und gespannt warten wir auf den nächsten Band der Trilogie!
Kangal
Anna Yeliz Schentke
S. Fischer Verlag
2022
Kangal, der türkische Hirtenhund, ist Deckname der jungen Dilek, die in Istanbul seit ihrer Teilnahme an Demonstrationen und seit dem Putschversuch 2016 in ständiger Angst vor staatlicher Repression lebt. Dilek und ihr Freund Tekin erleben Verhaftungen im Umfeld ihrer Freunde. Schliesslich flieht Dilek nach Frankfurt zu ihrer Cousine Ayla, mit der sie als Kind eng befreundet war. Doch die in Deutschland geborene Ayla und ihre türkische Familie haben eine andere Sicht auf die Verhältnisse in der Türkei. Sie besuchen die Türkei als Touristen, wählen „Parteien, die mein Land zu einem gemacht haben, in dem man nicht mehr bleiben kann“ und haben eine staatliche App auf dem Handy, mit der sie Oppositionelle denunzieren können. Dileks Freund Tekin will in der Türkei bleiben, hofft langfristig auf positive Veränderungen. Er sendet Dilek naiv unvorsichtig unverschlüsselte Nachrichten, die seine Freundin in Gefahr bringen. Wem kann sie noch trauen? Anna Yeliz Schentke beschreibt die Suche nach Identität, Vertrauen und Freundschaft einer jungen türkischen Generation und den Konflikt zwischen den in der Türkei und in Deutschland lebenden Türken in kurzen Episoden mit inneren Monologen der drei Hauptakteure. Ein mutiges Buch über ein wichtiges Thema.
Jahre mit Martha
Martin Kordic
S. Fischer
2022
Martin Kordić erzählt die Geschichte des 15jährigen Željko, genannt Jimmy, der als Gastarbeiterkind aus Kroatien mit seinen Eltern und zwei Geschwistern in einer 2-Zi-Wohnung in Ludwigshafen unweit der BASF lebt. Der Vater ist Bauarbeiter, die Mutter hat mehrere Putzstellen, u.a. bei Frau Dr. Martha Gruber, Professorin in Heidelberg. Als Željko in den Schulferien bei Frau Gruber im Garten arbeitet, beginnt eine zarte und außergewöhnliche Liebesgeschichte, die nach diesem Sommer mit einem nächtlichen Kuss am See endet. Martha verkörpert alles, wonach Željko strebt. Erst Jahre später haben die beiden wieder Kontakt, als er bereits mit Abitur und Stipendium zur Universität nach München geht und Martha um die Bürgschaft für eine Wohnung bittet. Sie bleiben über kurze Nachrichten leidenschaftlich in Verbindung, sehen sich oft Jahre nicht. Es ist keine Liebe auf Augenhöhe, Željko berichtet Martha über jeden seiner Schritte, über Martha weiß er kaum etwas. Als Martha ihn zur Trauerfeier seines Großvaters nach Kroatien begleitet, wird für Martha endlich aus Jimmy Željko und die Probleme der Identitätsfindung des jungen Mannes werden hier sehr deutlich. Martin Kordić beschreibt sehr eindrücklich das Streben Željkos nach einem Leben, das für ihn nicht vorgesehen ist. Die Geschichte fesselt die LeserInnen mit vielen überraschenden Wendungen, ein Buch, das man verschlingt.
Die Schuhe meines Vaters
Andreas Schäfer
Dumont
2022
Robert Schäfer, der Vater des Autors, liegt nach einem neurochirurgischen Eingriff im Koma. Der Sohn und seine schon 30 Jahre vom Vater getrennt lebende Mutter müssen über das Abschalten der Maschinen entscheiden. Nach dem Tod seines Vaters begibt sich der Autor auf die Suche nach der gelebten Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater, für dessen Narzissmus sich der Autor als Kind und Heranwachsender geschämt hat, den er für die Herabwürdigungen seiner Mutter gehasst hat und den er doch nun nicht verlieren kann. Andreas Schäfer taucht ein in die Vergangenheit des Vaters, dessen Kindheit im Krieg und das schwierige Verhältnis zu den Eltern, die ihn später enterben, weil er eine Griechin heiratet. Andreas Schäfer beschreibt seine Annäherung an den Vater und wie seine Erinnerungen ihm Trost spenden. Eine zu Herzen gehende Lektüre über eine Vater-Sohn-Beziehung, über Erinnerung und Trauer.
Ewig Sommer
Franziska Gänsler
Kein & Aber Verlag
2022
Was früher sehnsüchtig erträumt war, ist inzwischen in großen Teilen der Erde eher ein Albtraum, der ewige Sommer. In Franziska Gänslers Debütroman befinden wir uns in einer süddeutschen Kleinstadt, einst Touristenziel, nun am Rande immer heftiger wütender Waldbrände, die den Aufenthalt im Freien lebensbedrohlich machen. Die Protagonistin Iris betreibt das von den Großeltern geerbte Hotel, das eigentlich keine Gäste mehr findet, bis plötzlich Dori mit ihrer kleinen Tochter Ilya vor der Tür steht. Die junge Frau, eine Schauspielerin, hadert mit ihrer Mutterrolle. Sie wird von ihrem Mann gesucht und verkriecht sich bei Iris im Hotel. Die beiden Frauen freunden sich an und obwohl Iris in Telefonaten mit Doris Mann von dessen Sorgen um die Tochter erfährt, verheimlicht sie den Aufenthalt der beiden, träumt schließlich sogar von einer Zukunft mit Dori und Ilya. Franziska Gänsler bindet diese Geschichte ein in eine geradezu apokalyptische Szenerie. Eine schier unerträgliche Hitze, Rauch und Asche aus dem nahen Wald hinter dem Fluss, Feuerwehren, Löschhubschrauber, eine untergehende Tier- und Pflanzenwelt, die Hilflosigkeit in einem Klimaaktivistencamp. Es ist Oktober und alle hoffen, dass der Regen doch noch kommt.
Die Nacht unterm Schnee
Ralf Rothmann
Suhrkamp
2022
Mehrfach vergewaltigt, vom Hunger gezeichnet, wird Elisabeth im Winter 45 von einem russischen Deserteur in einem Bunker gepflegt. Manchmal hört sie Schritte und stellt sich vor, wie sie gesucht wird. Doch dann denkt sie, dass sie gar nicht mehr weiterleben möchte. Aber sie kann ihrem Leben nicht ausweichen. Wie wohl viele in der Nachkriegszeit, begräbt sie ihre Gefühle in ihrem Innersten, deckt sie mit Arbeit zu, tanzt auf jeder Hochzeit, schlingert von einer Kirmes zur nächsten, süchtig nach Ablenkung. Doch da ist noch Walter, für den es nichts Schöneres gibt als das Leben auf dem Hof, die Landschaft und eben Elisabeth. Zusammen schuften sie als Melkerehepaar auf einem Hof in Norddeutschland, bekommen zwei Kinder und nachdem die Gutsherrin sie eines Diebstahls bezichtigt hat, werden sie entlassen. Sie ziehen in die Stadt in die Nähe der Schwiegermutter, Walter arbeitet unter Tag und Elisabeth ist mit den Kindern zuhause. An den Wochenenden geht sie tanzen, alleine, Walter ist zu müde. Erneut tingelt sie von einem Fest zum nächsten, versteckt ihre Angst vor den Männern hinter einer Bissigkeit, die alle um sie herum verletzt. Während der stille Walter sich mit seiner Geschichte unter Tag vergräbt, vermeidet seine Frau es, zur Besinnung zu kommen und lässt dabei ihre Zigaretten nicht ausgehen. Atemlos und spannend beschreibt Ralf Rothmann die Geschichte einer Frau, der das im Krieg erlittene Leid immer im Wege steht.
Alles, was wir nicht erinnern
Christiane Hoffmann
C.H. Beck Verlag
2022
Die Kriegsenkelin Christiane Hoffmann hat wie so viele ihrer Generation mit dem Schweigen des Vaters zu kämpfen, in ihrem Fall mit der Flucht des Vaters als 9 jähriger Junge an der Hand der Mutter aus Rosenthal in Schlesien im Januar 1945. „Der Matrosenanzug, die Russen, die Oder, die Pferde“ ist alles, was der Vater erinnert und nach seinem Tod spürt die Autorin dieser Flucht nach, reist 75 Jahre später ins heutige Rózyna nach Polen, um den Fluchtweg des Vaters zu gehen, zu Fuß, alleine. Das Buch ist eine Mischung aus Familiengeschichte und Reisebericht. Hoffmann begegnet Menschen und Orten in Polen, Tschechien und Deutschland und schildert das noch heute schwierige Verhältnis zwischen diesen Ländern und auch der EU. Wir lesen ein sehr persönliches Buch über ihre Familie, den Krieg, die Heimat und Entwurzelung, das aber auch beängstigend aktuell wird angesichts des Russland-Ukraine-Konflikts und des tiefen Grabens zwischen dem Westen und Russland.
Tick Tack
Julia von Lucadou
Hanser Verlag
2022
Anfangs leicht verwirrt, da ich die Sprache in den verschiedenen sozialen Medien nicht gewohnt bin, hat mich das Buch trotzdem schnell in den Bann gezogen. Die Geschichte spielt während der Corona-Pandemie und handelt von der 15-jährigen Mette, die einen Selbstmordversuch auf den U-Bahn-Gleisen in Tik Tok-Videos ankündigt. Niemand reagiert – gerettet wird sie trotzdem. Durch eine Mitschülerin lernt sie deren 10 Jahre älteren Halbbruder kennen, der voller Wut den Kampf gegen den Mainstream und die Corona-Massnahmen anzettelt und Mette dafür rekrutiert. Er benutzt sie für seine Ideologie – sie durchschaut das Spiel nicht und wird in seinen Kampf reingezogen. Bis anhin das brave Mädchen, das überall die erwarteten Leistungen ablieferte, stösst sie nun Lehrer und Eltern vor den Kopf und geht auf Konfrontation. Und zwischendurch erscheint immer wieder das unsichere, verzweifelte Mädchen. Julia von Lucadou zeichnet den Weg der Radikalisierung und Manipulation im Netz gekonnt auf und es entsteht ein spannender Roman, der uns mit viel Witz die Probleme der Jugendlichen mit Schule, Elternhaus und einfach dem Leben selbst aufzeigt. Alt fühlt man sich danach trotzdem ein bisschen.... ☺.
der fluss ist eine wunde voller fische
Lorena Salazar
Blumenbar bei Aufbau Verlag
2022
Das Buch handelt von einer Mutter, die zusammen mit ihrem Jungen eine Flussfahrt zu seiner leiblichen Mutter unternimmt. Durch den Dschungel Kolumbiens führt der Fluss Atrato. Auf einem kleineren Flussboot unternehmen sie die Reise, zusammen mit anderen Reisenden und deren Geschichte. Die langen Stunden auf dem Boot von einem Dorf zum andern lassen genügend Zeit, um sich einander ihre Geschichten zu erzählen. Sie lassen auch genügend Zeit und Musse, um über die Mutterschaft, sei es die leibliche oder die fürsorgende, nachzudenken. Wird sie ihren Jungen verlieren? Wird er bei seiner leiblichen Mutter bleiben? Diese Sorgen quälen die Mutter und je näher sie ihrem Ziel kommen, desto unruhiger wird sie. Das schmale Büchlein ist ein schönes, stimmungsvolles Debüt der kolumbianischen Autorin Lorena Salazar. Und wer jemals in einem Flussboot im Dschungel unterwegs war, wird sich sogleich heimisch fühlen.
Butter
Asako Yuzuki
Blumenbar im Aufbau Verlag
2022
Die Journalistin Rika recherchiert über den Fall einer Serienmörderin Manako Kajii, die ihre männlichen Opfer mit ihren Kochkünsten verführt und in den Tod treibt. Sie besucht sie im Gefängnis und es beginnt eine zwiespältige Beziehung zwischen ihnen. Über die Gespräche über die Kochkunst und die wichtigste Zutat Butter erfährt sie immer mehr Details aus dem Leben von Manako, hinterfragt unweigerlich auch immer wieder ihr Leben und das Leben der Frauen in der japanischen Gesellschaft. Ein packender Roman, den man in einem Zug durchlesen möchte und der einem eine völlig neue Sichtweise auf Butter darlegt!
Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Maxim Leo
Kiepenheuer & Witsch
2022
Ooch, nicht schon wieder so eine ´Ost-West-Geschichte` dachte ich. Doch dann begann ich zu lesen von Michael Hartung, dem Loser mit der Videothek im Osten der Hauptstadt und von Alexander Landmann, dem Spätaussiedler mit kasachischen Wurzeln, der als Journalist zum 30. Jahrestag des Mauerfalls eine besondere Geschichte in alten Stasiakten gefunden zu haben glaubt. Durch einen gebrochenen (oder manipulierten?) Weichenbolzen fuhr eine DDR-S-Bahn 1983 in einer Sommernacht am Bahnhof Friedrichstrasse in den Westen und 127 DDR-Bürger in die Freiheit. Dass die meisten von ihnen freiwillig sofort wieder in den Osten zurückfuhren will niemand wissen und Landmann will den ehemaligen Eisenbahnstellwerker Hartung zum Helden machen. Dieser ziert sich zunächst und erklärt, dass alles nur ein Missgeschick war, aber Landmann lässt nicht locker, verspricht viel Geld und schreibt mit viel Dramatik und Pathos seine Heldengeschichte. Hartung wird im ganzen Land gefeiert, alle sonnen sich in seinem Licht, aber er spürt, dass dieses Glück nicht ewig währt. Als er bei den Feierlichkeiten zum Mauerfall im Bundestag eine Rede halten soll, fasst er sich ein Herz, denn er will seine Tochter und seine neue Liebe Paula nicht verlieren. Maxim Leo beschreibt, was mit Geschichtsschreibung passieren kann durch ein bisschen Verschiebung der Tatsachen und wie historische Fakten manipuliert werden können. Was ist Wahrheit und wo beginnt die Lüge? Er hat herrliche Charaktere geschaffen mit Fr. Dr. Munsberg aus dem Kanzleramt, Holger Röslein, dem Leiter des Dokumentationszentrums Unrechtstaat in der DDR oder Fritz Teubner, dem ehemaligen Stasi-Oberstleutnant. Das Buch lässt oft schmunzeln, manchmal lauthals lachen und hat dennoch Tiefgang. Eine absolute Leseempfehlung!
Serge
Yasmina Reza
Hanser
2022
Nach dem Tod ihrer Mutter entfernen sich die Geschwister immer mehr voneinander bis die Enkelin Joséphine einen Besuch in Auschwitz vorschlägt. Bis anhin war das „jüdisch sein“ kein Thema in der Familie, nie haben sie die Eltern nach ihrer Geschichte gefragt. In einer bissigen Komödie beschreibt Yasmina Reza die Reise nach Auschwitz, das Verhältnis der Geschwister untereinander, in dem jeder seine Rolle einnimmt und die Alltagsprobleme eine burleske Note bekommen. Wie niemand zuvor geht sie mit einer bewussten Oberflächlichkeit an ein schweres Thema heran. Keiner der Geschwister fühlt sich als Opfer, wie auch ihre Mutter sich geweigert hat, sich als Opfer zu fühlen, obwohl ihre ganze Familie in den Lagern umgekommen ist.
Rombo
Esther Kinsky
Hanser
2022
Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. In Esther Kinskys neuem, noch vor Erscheinen preisgekröntem Roman berichten sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen.
Meine Schwester
Bettina Flitner
Kiepenheuer & Witsch
2022
Die Fotografin Bettina Flitner verarbeitet in diesem Buch den Suizid ihrer geliebten Schwester Susanne. Sie schildert sehr eindrücklich, wie die Nachricht von deren Tod sie in Verzweiflung stürzt und mit Schuldgefühlen belastet. Die Autorin erzählt von einer Kindheit in den 70er Jahren, in der die zwei Jahre ältere Schwester Halt und Geborgenheit gibt während die Eltern mit sich selbst und wechselnden Partnern beschäftigt sind. Beide Schwestern können die Ansprüche der Eltern an ihre berufliche Zukunft nicht erfüllen, sie schlagen sehr unterschiedliche Wege ein, bleiben aber auch über grosse Distanzen immer innig verbunden. Die Mutter, die von der angesehenen Familie ihres Mannes wenig geschätzt wird, leidet an Depressionen und nimmt sich mit 47 Jahren das Leben. Depressionen sind ein Tabu und überschatten doch seit Generationen die Familie und schließlich ist auch Susanne davon betroffen. Die Krankheit bricht immer wieder durch, die Gefahr wird jedoch verdrängt. Bettina Flitner hat ein tief bewegendes Buch geschrieben, das die Krankheit „Depression“ ins Bewusstsein der Leserschaft bringt. Ein Leseerlebnis, das lange nachwirkt.
Die Übung
Claudia Petrucci
Wagenbach
2022
Giorgia jobbt im Supermarkt, ihr Freund Filippo führt widerwillig die Bar seiner Eltern. Als Giorgia den Regisseur Mauro wieder trifft, gerät ihre mühsam zusammengehaltene Wirklichkeit ins Wanken. Mauro will sie unbedingt wieder auf der Bühne haben. Giorgia hingegen weiss um die dunkle Seite ihres Talents. Die Rollen ergreifen von ihr Besitz, bis sie nicht mehr weiss, wo die Rolle aufhört und die Wirklichkeit beginnt. Mauro undFilippo schmieden einen irrwitzigen Plan. Sie schreiben ein Skript für Giorgias Leben. Claudia Petrucci ist mit ihrem Debut ein Roman über die brüchige Wirklichkeit, den männlichen Grössenwahn und die unscharfe Grenze zwischen Liebe und Manipulation gelungen. Ein Roman mit vielen diskutierbaren Aspekten!
Erstaunen
Richard Powers
S. Fischer Verlag
Oktober 2021
Es ist sicher nicht sein bestes Buch, es kommt nie an die Tiefe von „Der Klang der Zeit“ oder „Das Echo der Erinnerung“ heran, dennoch berührt einen die Geschichte eines Astrobiologen, der verzweifelt versucht, seinem Jungen Robin gerecht zu werden, nachdem seine Mutter gestorben ist. Robin ist ein hochbegabter Junge mit Aspergersyndrom, welcher sich voll und ganz der Mission seiner Mutter verschrieben hat, die Welt zu retten. Er malt Plakate, demonstriert vor dem Kapitol und versucht die Menschen von seiner Aufgabe zu überzeugen. Der Vater unterstützt ihn wo er kann, neben seinem Forschungsauftrag zur Suche nach Leben auf anderen Planeten. Immer wieder kommen sie an ihre Grenzen, flüchten sich in andere Welten, in die Natur der Smokies, bis die Wirklichkeit sie wieder einholt. Dazwischen tauchen immer wieder Anspielungen auf die politischen Wirren der USA auf, ohne Namen zu nennen und ohne dass es zu einem politischen Roman wird. Schön zeigt der Roman die Verbundenheit der Familienmitglieder untereinander, wie sie zusammen leben, leiden und sich gemeinsam freuen, auch über den Tod hinaus. Sehr empfehlenswert!