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Lesetipps
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Am laufenden Band
Joseph Ponthus
Matthes & Seitz Berlin
2021
Joseph Ponthus hat mit diesem Buch etwas Aussergewöhnliches geschaffen. Er studierte Literatur und Soziale Arbeit und arbeitete während 10 Jahren als Sozialarbeiter in einem Pariser Vorort, bevor er mit seiner Frau in die Bretagne zog. Als er keine Stelle als Sozialarbeiter fand, arbeitete er zweieinhalb Jahre in Fischfabriken und in einem Schlachthof. Das Buch ist ein Tagebuch dieser Zeit, in Versform geschrieben. In einer einfachen, aber auch poetischen Sprache berichtet er vom harten Alltag in den Fabriken, von der Kälte, der Erschöpfung, aber auch von der Solidarität untereinander und vom Kampf gegen Tonnen von Meeresgetier, dies sie unter Zeitdruck verarbeiteten. Und trotzdem hatte er ein humorvolles Buch, ein schönes Buch geschrieben, in dem er sich immer wieder an Schriftsteller und Musikerinnen erinnert, er verglich sich mit den Musketieren von Dumas, studiert dem Arbeiterkampf von Marx nach, zitierte Berthold Brecht und viele mehr. Es geht um die moderne Sklaverei in der Lebensmittelindustrie und ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Arbeiterklasse.
Wie schön wir waren
Imbolo Mbue
Kiepenheuer & Witsch
2021
Was wir in den Zeitungen über die Ölkatastrophe im Nigerdelta nachlesen konnten, wurde in diesem Roman in schöne Worte gefasst. Und ich meine nicht, dass die Sache als solche beschönigt wurde, sondern dass es ein Genuss ist, diesen Roman zu lesen! Öllecks haben das Ackerland unfruchtbar gemacht, Kinder sterben, weil das Trinkwasser vergiftet ist. Die Dorfbewohner von Kosawa werden vom Ölkonzern immer wieder vertröstet. Es bedarf nach jahrelanger Passivität den Anstoss des Dorfirren, der den Wiederstand und den Kampf gegen den Konzern ins Rollen brachte. Den Irren, den niemand berühren darf, da man sich sonst den schlimmsten aller Flüche auf sich zog. Der Kampf sollte Jahrzehnte dauern, angeführt von einer jungen Frau, die bereit ist, für die Gemeinschaft alles zu opfern. Die Autorin Imbolo Mbue, in Kamerun aufgewachsen, wurde schon für ihren Debütroman „Das geträumte Land“ mit dem renommierten PEN/Faulkner Award ausgezeichnet (der Preis geht auf eine Spende des Literaturnobelpreisträgers William Faulkner zurück). Und auch mit diesem Roman über die Profitgier der westlichen Konzerne, über die Korruption der Regierung und über das Gespenst des Kolonialismus, gepaart mit dem afrikanischen Gemeinschaftssinn, ist Imbolo Mbue in einer musikalischen Sprache der afrikanischen Erzähltradition ein meisterhaftes Werk gelungen.
Im Menschen muss alles herrlich sein
Sasha Maria Salzmann
Suhrkamp
2021
Zwei Mütter, zwei Töchter und eine Menge Sprachlosigkeit, davon handelt der neue Roman von Sasha Maria Salzmann. Die Mütter, beide in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen, übersiedeln nach Deutschland und fangen wieder neu an. Ihr Leben in der ehemaligen Sowjetunion mit der allgegenwärtigen Korruption lassen sie hinter sich. Vorbei ist die Zeit, in der ein Platz im Pionierlager nur mit Pralinen, eine gute Behandlung im Krankenhaus nur durch Geldgeschenke und ein Ausbildungsplatz nur durch einflussreiche Beziehungen zu bekommen ist. Ihre Töchter, in Deutschland aufgewachsen, wissen nicht viel von ihren früheren Leben. Am 50. Geburtstag von Lena, der Mutter von Edi, kommt einiges ans Licht, vieles wird verschwiegen und der Umgang untereinander wird nicht einfacher. Ein Familienroman als Porträt der späten Sowjetzeit mit starken Frauenfiguren, die sich im Alltag den vielfältigen Problemen stellen und nach Lösungen suchen.
Miss Island
Audur Ava Olafsdottir
Suhrkamp
2021
Die junge Hekla, die nach einem Vulkan benannt wurde, träumt davon, Schriftstellerin zu werden und zieht vom Land in die Hauptstadt Reykjavik. Die Literatur, die seit jeher in Island einen sehr hohen Stellenwert hat, wird in den hier beschriebenen 60er Jahren von Männern dominiert und Hekla kann ihre Erzählungen und Gedichte nur unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen. Stattdessen empfiehlt man ihr die Teilnahme an der Wahl zur Miss Island. Auch ihre beste Freundin würde gerne schreiben, findet aber in ihrer Rolle als junge Ehefrau und Mutter ein anderes, kleines Glück. Als ihr Freund, der homosexuelle Jon John, keine Zukunft für sich in Island sieht und mit dem Wunsch Theaterschneider zu werden nach Kopenhagen auswandert, folgt sie ihm schließlich und gemeinsam reisen die beiden weiter in den Süden. Hekla schafft es endlich ihren ersten Roman zu schreiben. In diesem Buch kämpfen zwei Aussenseiter für ihren Traum, die Sprache ist wunderbar poetisch und es finden sich viele Bezüge zur isländischen Literatur und Mythologie. Islands Frauen auf dem Weg zur Emanzipation. Zehn Jahre später sollte es den ersten „Generalstreik der Frauen“ und 1980 mit Vigdis Finnbogadóttir die weltweit erste Staatspräsidentin geben.
Die Erfindung des Dosenöffners
Tarkan Bagci
Ullstein
2021
Timur Aslan ist 20 Jahre alt, langweilt sich als freier Mitarbeiter bei einer Kleinstadtzeitung und ist auf der Suche nach einer ganz grossen Geschichte, mit der er als Volontär bei einer großen Zeitung landen kann. Als er für einen Artikel über einen Rentnerkegelclub Annette trifft, scheint die große Story greifbar nah, hat sie doch den Dosenöffner erfunden. Annette verspricht Timur die ganze Geschichte wenn er sie in ihrem Rollstuhl an ihre Wunschorte fährt. Eine gemeinsame Reise durch die Schweiz beginnt und für den Leser wunderschöne, humorvolle Lesestunden. Das Buch ist ein wahrer Feel-good Roman mit viel Witz und Tiefgang.
Bergland
Jarka Kubsova
Goldmann
2021
Erzählt wird die Geschichte eines Südtiroler Bergbauernhofes über drei Generationen, eine Geschichte starker Frauen. Rosa, die den Hof allein durch Krieg und Nachkriegszeit bringt, nur Arbeit kennt und den Sohn vernachlässigt. Dieser stellt den Betrieb komplett auf Milchwirtschaft um und Schließlich versucht seine Schwiegertochter Franziska, mit „Ferien auf dem Bauernhof“ den Hof zu retten. Sehr eindrücklich wird das harte Leben auf einem hoch gelegenen Bauernhof beschrieben, die Herausforderungen durch Naturgewalten und ökonomische Zwänge. Die Wahl zwischen Gehen und Bleiben, der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Unbedingt vor dem nächsten „Urlaub auf dem Bauernhof“ lesen!
Nelkenblatt
Yusuf Yesilöz
Limmat Verlag
2021
Elsa, eine alte, schwerkranke Frau, braucht pflegerische Betreuung. Ihre Tochter Luzia engagiert die junge Studentin Pina, die als politisch Verfolgte ihre Heimat und Familie verlassen musste und ihre sterbende Mutter nicht begleiten konnte. Nun kümmert sie sich sehr einfühlsam und respektvoll um die sterbende Elsa. Die beiden bauen schnell eine vertrauensvolle Beziehung auf. Elsa ist sehr interessiert an Pinas Leben und Lieben. Yusuf Yesilöz, der seit 20 Jahren in der Schweiz lebende Autor mit kurdischen Wurzeln, hat ein ganz zartes, poetisches Buch geschrieben, das frei von Klischees die Personen sehr authentisch schildert und die Leser*Innen berührt.
Wo die Hunde in drei Sprachen bellen
Iona Parvulesciu
Zsolnay Verlag
2021
„...so einfach war der Tod, der an den Männern hing, ersetzt worden durch das Leben, dass an den Frauen hing. Und eben so verhalten war Geschichte in unserem Haus gegenwärtig ohne dass wir sie bemerkt und als solche erkannt hätten.“ In der Geschichte des Hauses spiegelt sich ganz beiläufig die Geschichte des Landes, der Strasse mit seinen Bewohnern wieder. Zwei Weltkriege hat es überlebt, dem Abbruch zugunsten von Plattenbauten getrotzt und seine Bewohner mit mehreren Nationalitäten über mehrere Generationen beherbergt. Die Geschichte wird aus der Sicht von einem kleinen Mädchen erzählt, welches mit seiner Familie und seinen Verwandten das Haus bewohnt. Die vier Kinder erkunden die Geheimnisse des Hauses, gehen bei Onkel und Tanten ein und aus, finden Tagebücher in verbotenen Schubladen oder suchen Goldfüchslein in den Wänden. Sie erleben den Wandel der Strasse, des Hotels Aro und immer wieder spielt die Umgebung in den Karpaten eine wichtige Rolle. Mit diesem Buch ist erstmals ein Titel der rumänischen Autorin und gleichzeitig Professorin der Literatur an der Universität Bukarest ins Deutsche übersetzt worden. Es wird hoffentlich nicht das letzte sein! In einer wunderbar unaufgeregten Sprache lesen wir von einem Haus und seinen Bewohnern im ehemals deutschen Kronstadt, dem heutigen Brasov (ungarisch Brasso). Mit den Namen der Stadt sind auch schon die drei Sprachen und die Herkunft der Bewohner definiert: rumänisch, deutsch, ungarisch.
Erstaunen
Richard Powers
S. Fischer Verlag
Oktober 2021
Es ist sicher nicht sein bestes Buch, es kommt nie an die Tiefe von „Der Klang der Zeit“ oder „Das Echo der Erinnerung“ heran, dennoch berührt einen die Geschichte eines Astrobiologen, der verzweifelt versucht, seinem Jungen Robin gerecht zu werden, nachdem seine Mutter gestorben ist. Robin ist ein hochbegabter Junge mit Aspergersyndrom, welcher sich voll und ganz der Mission seiner Mutter verschrieben hat, die Welt zu retten. Er malt Plakate, demonstriert vor dem Kapitol und versucht die Menschen von seiner Aufgabe zu überzeugen. Der Vater unterstützt ihn wo er kann, neben seinem Forschungsauftrag zur Suche nach Leben auf anderen Planeten. Immer wieder kommen sie an ihre Grenzen, flüchten sich in andere Welten, in die Natur der Smokies, bis die Wirklichkeit sie wieder einholt. Dazwischen tauchen immer wieder Anspielungen auf die politischen Wirren der USA auf, ohne Namen zu nennen und ohne dass es zu einem politischen Roman wird. Schön zeigt der Roman die Verbundenheit der Familienmitglieder untereinander, wie sie zusammen leben, leiden und sich gemeinsam freuen, auch über den Tod hinaus. Sehr empfehlenswert!