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Lesetipps
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Tick Tack
Julia von Lucadou
Hanser Verlag
2022
Anfangs leicht verwirrt, da ich die Sprache in den verschiedenen sozialen Medien nicht gewohnt bin, hat mich das Buch trotzdem schnell in den Bann gezogen. Die Geschichte spielt während der Corona-Pandemie und handelt von der 15-jährigen Mette, die einen Selbstmordversuch auf den U-Bahn-Gleisen in Tik Tok-Videos ankündigt. Niemand reagiert – gerettet wird sie trotzdem. Durch eine Mitschülerin lernt sie deren 10 Jahre älteren Halbbruder kennen, der voller Wut den Kampf gegen den Mainstream und die Corona-Massnahmen anzettelt und Mette dafür rekrutiert. Er benutzt sie für seine Ideologie – sie durchschaut das Spiel nicht und wird in seinen Kampf reingezogen. Bis anhin das brave Mädchen, das überall die erwarteten Leistungen ablieferte, stösst sie nun Lehrer und Eltern vor den Kopf und geht auf Konfrontation. Und zwischendurch erscheint immer wieder das unsichere, verzweifelte Mädchen. Julia von Lucadou zeichnet den Weg der Radikalisierung und Manipulation im Netz gekonnt auf und es entsteht ein spannender Roman, der uns mit viel Witz die Probleme der Jugendlichen mit Schule, Elternhaus und einfach dem Leben selbst aufzeigt. Alt fühlt man sich danach trotzdem ein bisschen.... ☺.
der fluss ist eine wunde voller fische
Lorena Salazar
Blumenbar bei Aufbau Verlag
2022
Das Buch handelt von einer Mutter, die zusammen mit ihrem Jungen eine Flussfahrt zu seiner leiblichen Mutter unternimmt. Durch den Dschungel Kolumbiens führt der Fluss Atrato. Auf einem kleineren Flussboot unternehmen sie die Reise, zusammen mit anderen Reisenden und deren Geschichte. Die langen Stunden auf dem Boot von einem Dorf zum andern lassen genügend Zeit, um sich einander ihre Geschichten zu erzählen. Sie lassen auch genügend Zeit und Musse, um über die Mutterschaft, sei es die leibliche oder die fürsorgende, nachzudenken. Wird sie ihren Jungen verlieren? Wird er bei seiner leiblichen Mutter bleiben? Diese Sorgen quälen die Mutter und je näher sie ihrem Ziel kommen, desto unruhiger wird sie. Das schmale Büchlein ist ein schönes, stimmungsvolles Debüt der kolumbianischen Autorin Lorena Salazar. Und wer jemals in einem Flussboot im Dschungel unterwegs war, wird sich sogleich heimisch fühlen.
Butter
Asako Yuzuki
Blumenbar im Aufbau Verlag
2022
Die Journalistin Rika recherchiert über den Fall einer Serienmörderin Manako Kajii, die ihre männlichen Opfer mit ihren Kochkünsten verführt und in den Tod treibt. Sie besucht sie im Gefängnis und es beginnt eine zwiespältige Beziehung zwischen ihnen. Über die Gespräche über die Kochkunst und die wichtigste Zutat Butter erfährt sie immer mehr Details aus dem Leben von Manako, hinterfragt unweigerlich auch immer wieder ihr Leben und das Leben der Frauen in der japanischen Gesellschaft. Ein packender Roman, den man in einem Zug durchlesen möchte und der einem eine völlig neue Sichtweise auf Butter darlegt!
Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Maxim Leo
Kiepenheuer & Witsch
2022
Ooch, nicht schon wieder so eine ´Ost-West-Geschichte` dachte ich. Doch dann begann ich zu lesen von Michael Hartung, dem Loser mit der Videothek im Osten der Hauptstadt und von Alexander Landmann, dem Spätaussiedler mit kasachischen Wurzeln, der als Journalist zum 30. Jahrestag des Mauerfalls eine besondere Geschichte in alten Stasiakten gefunden zu haben glaubt. Durch einen gebrochenen (oder manipulierten?) Weichenbolzen fuhr eine DDR-S-Bahn 1983 in einer Sommernacht am Bahnhof Friedrichstrasse in den Westen und 127 DDR-Bürger in die Freiheit. Dass die meisten von ihnen freiwillig sofort wieder in den Osten zurückfuhren will niemand wissen und Landmann will den ehemaligen Eisenbahnstellwerker Hartung zum Helden machen. Dieser ziert sich zunächst und erklärt, dass alles nur ein Missgeschick war, aber Landmann lässt nicht locker, verspricht viel Geld und schreibt mit viel Dramatik und Pathos seine Heldengeschichte. Hartung wird im ganzen Land gefeiert, alle sonnen sich in seinem Licht, aber er spürt, dass dieses Glück nicht ewig währt. Als er bei den Feierlichkeiten zum Mauerfall im Bundestag eine Rede halten soll, fasst er sich ein Herz, denn er will seine Tochter und seine neue Liebe Paula nicht verlieren. Maxim Leo beschreibt, was mit Geschichtsschreibung passieren kann durch ein bisschen Verschiebung der Tatsachen und wie historische Fakten manipuliert werden können. Was ist Wahrheit und wo beginnt die Lüge? Er hat herrliche Charaktere geschaffen mit Fr. Dr. Munsberg aus dem Kanzleramt, Holger Röslein, dem Leiter des Dokumentationszentrums Unrechtstaat in der DDR oder Fritz Teubner, dem ehemaligen Stasi-Oberstleutnant. Das Buch lässt oft schmunzeln, manchmal lauthals lachen und hat dennoch Tiefgang. Eine absolute Leseempfehlung!
Serge
Yasmina Reza
Hanser
2022
Nach dem Tod ihrer Mutter entfernen sich die Geschwister immer mehr voneinander bis die Enkelin Joséphine einen Besuch in Auschwitz vorschlägt. Bis anhin war das „jüdisch sein“ kein Thema in der Familie, nie haben sie die Eltern nach ihrer Geschichte gefragt. In einer bissigen Komödie beschreibt Yasmina Reza die Reise nach Auschwitz, das Verhältnis der Geschwister untereinander, in dem jeder seine Rolle einnimmt und die Alltagsprobleme eine burleske Note bekommen. Wie niemand zuvor geht sie mit einer bewussten Oberflächlichkeit an ein schweres Thema heran. Keiner der Geschwister fühlt sich als Opfer, wie auch ihre Mutter sich geweigert hat, sich als Opfer zu fühlen, obwohl ihre ganze Familie in den Lagern umgekommen ist.
Rombo
Esther Kinsky
Hanser
2022
Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. In Esther Kinskys neuem, noch vor Erscheinen preisgekröntem Roman berichten sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen.
Meine Schwester
Bettina Flitner
Kiepenheuer & Witsch
2022
Die Fotografin Bettina Flitner verarbeitet in diesem Buch den Suizid ihrer geliebten Schwester Susanne. Sie schildert sehr eindrücklich, wie die Nachricht von deren Tod sie in Verzweiflung stürzt und mit Schuldgefühlen belastet. Die Autorin erzählt von einer Kindheit in den 70er Jahren, in der die zwei Jahre ältere Schwester Halt und Geborgenheit gibt während die Eltern mit sich selbst und wechselnden Partnern beschäftigt sind. Beide Schwestern können die Ansprüche der Eltern an ihre berufliche Zukunft nicht erfüllen, sie schlagen sehr unterschiedliche Wege ein, bleiben aber auch über grosse Distanzen immer innig verbunden. Die Mutter, die von der angesehenen Familie ihres Mannes wenig geschätzt wird, leidet an Depressionen und nimmt sich mit 47 Jahren das Leben. Depressionen sind ein Tabu und überschatten doch seit Generationen die Familie und schließlich ist auch Susanne davon betroffen. Die Krankheit bricht immer wieder durch, die Gefahr wird jedoch verdrängt. Bettina Flitner hat ein tief bewegendes Buch geschrieben, das die Krankheit „Depression“ ins Bewusstsein der Leserschaft bringt. Ein Leseerlebnis, das lange nachwirkt.
Die Übung
Claudia Petrucci
Wagenbach
2022
Giorgia jobbt im Supermarkt, ihr Freund Filippo führt widerwillig die Bar seiner Eltern. Als Giorgia den Regisseur Mauro wieder trifft, gerät ihre mühsam zusammengehaltene Wirklichkeit ins Wanken. Mauro will sie unbedingt wieder auf der Bühne haben. Giorgia hingegen weiss um die dunkle Seite ihres Talents. Die Rollen ergreifen von ihr Besitz, bis sie nicht mehr weiss, wo die Rolle aufhört und die Wirklichkeit beginnt. Mauro undFilippo schmieden einen irrwitzigen Plan. Sie schreiben ein Skript für Giorgias Leben. Claudia Petrucci ist mit ihrem Debut ein Roman über die brüchige Wirklichkeit, den männlichen Grössenwahn und die unscharfe Grenze zwischen Liebe und Manipulation gelungen. Ein Roman mit vielen diskutierbaren Aspekten!
Und was ich dir noch erzählen wollte
Dorothy Gallagher
AKI Verlag
2021
Als Ben, ihr Ehemann, verstorben war, packte Dorothy Gallagher ihre Sachen, drängte ihre betagte Katze in einen Tragekorb und zog in die Studiowohnung, die jahrelang ihr Büro gewesen war. Die Recherchen für ihr angefangenes Buch verschafften ihr eine Atempause in der Trauer. Wenn sie nicht arbeitete, nahm die Trauer sie in Beschlag und sie merkte, dass sie immer, wenn sie alleine war, Gespräche mit Ben führte. Fünf Jahre vergingen und sie führte immer noch Gespräche mit ihm, sodass sie beschloss, diese aufzuschreiben. Und was ich dir noch erzählen wollte ist ein berührendes Buch, ein trauriges Buch und vor allem ein sehr schönes Buch.
Die Wellen des Lichts
Hugh Aldersey-Williams
Hanser Verlag
2021
Obwohl der Begriff des Naturwissenschaftlers sich erst im 18. Jh. etablierte, kann der Niederländer Christiaan Huygens als einer der grössten Naturwissenschaftler des 17. Jh. bezeichnet werden. Mit seinen Abhandlungen über die Natur des Lichts und die Gravitation, hat er gewaltige Beiträge zur Physik geleistet und wurde zu Unrecht in den Schatten Isaac Newtons gestellt. Er war ein Macher genauso wie ein Beobachter und Denker, er mehrte das Theoretische Wissen in den Bereichen Astronomie, Optik und Mechanik. Aber er war nicht nur ein ausserordentlicher Mathematiker, sondern auch ein versierter Musiker und talentierter Zeichner. Vor allem letzteres kam ihm beim Entwerfen mechanischer und optischer Geräte zugute. Hugh Aldersey-Williams entwirft mit diesem Buch ein Porträt einer umwälzenden Epoche und lässt mit Christaan Huygens einen Denker lebendig werden, ohne den die Welt heute eine andere wäre!
Am laufenden Band
Joseph Ponthus
Matthes & Seitz Berlin
2021
Joseph Ponthus hat mit diesem Buch etwas Aussergewöhnliches geschaffen. Er studierte Literatur und Soziale Arbeit und arbeitete während 10 Jahren als Sozialarbeiter in einem Pariser Vorort, bevor er mit seiner Frau in die Bretagne zog. Als er keine Stelle als Sozialarbeiter fand, arbeitete er zweieinhalb Jahre in Fischfabriken und in einem Schlachthof. Das Buch ist ein Tagebuch dieser Zeit, in Versform geschrieben. In einer einfachen, aber auch poetischen Sprache berichtet er vom harten Alltag in den Fabriken, von der Kälte, der Erschöpfung, aber auch von der Solidarität untereinander und vom Kampf gegen Tonnen von Meeresgetier, dies sie unter Zeitdruck verarbeiteten. Und trotzdem hatte er ein humorvolles Buch, ein schönes Buch geschrieben, in dem er sich immer wieder an Schriftsteller und Musikerinnen erinnert, er verglich sich mit den Musketieren von Dumas, studiert dem Arbeiterkampf von Marx nach, zitierte Berthold Brecht und viele mehr. Es geht um die moderne Sklaverei in der Lebensmittelindustrie und ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Arbeiterklasse.
Wie schön wir waren
Imbolo Mbue
Kiepenheuer & Witsch
2021
Was wir in den Zeitungen über die Ölkatastrophe im Nigerdelta nachlesen konnten, wurde in diesem Roman in schöne Worte gefasst. Und ich meine nicht, dass die Sache als solche beschönigt wurde, sondern dass es ein Genuss ist, diesen Roman zu lesen! Öllecks haben das Ackerland unfruchtbar gemacht, Kinder sterben, weil das Trinkwasser vergiftet ist. Die Dorfbewohner von Kosawa werden vom Ölkonzern immer wieder vertröstet. Es bedarf nach jahrelanger Passivität den Anstoss des Dorfirren, der den Wiederstand und den Kampf gegen den Konzern ins Rollen brachte. Den Irren, den niemand berühren darf, da man sich sonst den schlimmsten aller Flüche auf sich zog. Der Kampf sollte Jahrzehnte dauern, angeführt von einer jungen Frau, die bereit ist, für die Gemeinschaft alles zu opfern. Die Autorin Imbolo Mbue, in Kamerun aufgewachsen, wurde schon für ihren Debütroman „Das geträumte Land“ mit dem renommierten PEN/Faulkner Award ausgezeichnet (der Preis geht auf eine Spende des Literaturnobelpreisträgers William Faulkner zurück). Und auch mit diesem Roman über die Profitgier der westlichen Konzerne, über die Korruption der Regierung und über das Gespenst des Kolonialismus, gepaart mit dem afrikanischen Gemeinschaftssinn, ist Imbolo Mbue in einer musikalischen Sprache der afrikanischen Erzähltradition ein meisterhaftes Werk gelungen.
Im Menschen muss alles herrlich sein
Sasha Maria Salzmann
Suhrkamp
2021
Zwei Mütter, zwei Töchter und eine Menge Sprachlosigkeit, davon handelt der neue Roman von Sasha Maria Salzmann. Die Mütter, beide in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen, übersiedeln nach Deutschland und fangen wieder neu an. Ihr Leben in der ehemaligen Sowjetunion mit der allgegenwärtigen Korruption lassen sie hinter sich. Vorbei ist die Zeit, in der ein Platz im Pionierlager nur mit Pralinen, eine gute Behandlung im Krankenhaus nur durch Geldgeschenke und ein Ausbildungsplatz nur durch einflussreiche Beziehungen zu bekommen ist. Ihre Töchter, in Deutschland aufgewachsen, wissen nicht viel von ihren früheren Leben. Am 50. Geburtstag von Lena, der Mutter von Edi, kommt einiges ans Licht, vieles wird verschwiegen und der Umgang untereinander wird nicht einfacher. Ein Familienroman als Porträt der späten Sowjetzeit mit starken Frauenfiguren, die sich im Alltag den vielfältigen Problemen stellen und nach Lösungen suchen.
Miss Island
Audur Ava Olafsdottir
Suhrkamp
2021
Die junge Hekla, die nach einem Vulkan benannt wurde, träumt davon, Schriftstellerin zu werden und zieht vom Land in die Hauptstadt Reykjavik. Die Literatur, die seit jeher in Island einen sehr hohen Stellenwert hat, wird in den hier beschriebenen 60er Jahren von Männern dominiert und Hekla kann ihre Erzählungen und Gedichte nur unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen. Stattdessen empfiehlt man ihr die Teilnahme an der Wahl zur Miss Island. Auch ihre beste Freundin würde gerne schreiben, findet aber in ihrer Rolle als junge Ehefrau und Mutter ein anderes, kleines Glück. Als ihr Freund, der homosexuelle Jon John, keine Zukunft für sich in Island sieht und mit dem Wunsch Theaterschneider zu werden nach Kopenhagen auswandert, folgt sie ihm schließlich und gemeinsam reisen die beiden weiter in den Süden. Hekla schafft es endlich ihren ersten Roman zu schreiben. In diesem Buch kämpfen zwei Aussenseiter für ihren Traum, die Sprache ist wunderbar poetisch und es finden sich viele Bezüge zur isländischen Literatur und Mythologie. Islands Frauen auf dem Weg zur Emanzipation. Zehn Jahre später sollte es den ersten „Generalstreik der Frauen“ und 1980 mit Vigdis Finnbogadóttir die weltweit erste Staatspräsidentin geben.
Die Erfindung des Dosenöffners
Tarkan Bagci
Ullstein
2021
Timur Aslan ist 20 Jahre alt, langweilt sich als freier Mitarbeiter bei einer Kleinstadtzeitung und ist auf der Suche nach einer ganz grossen Geschichte, mit der er als Volontär bei einer großen Zeitung landen kann. Als er für einen Artikel über einen Rentnerkegelclub Annette trifft, scheint die große Story greifbar nah, hat sie doch den Dosenöffner erfunden. Annette verspricht Timur die ganze Geschichte wenn er sie in ihrem Rollstuhl an ihre Wunschorte fährt. Eine gemeinsame Reise durch die Schweiz beginnt und für den Leser wunderschöne, humorvolle Lesestunden. Das Buch ist ein wahrer Feel-good Roman mit viel Witz und Tiefgang.
Bergland
Jarka Kubsova
Goldmann
2021
Erzählt wird die Geschichte eines Südtiroler Bergbauernhofes über drei Generationen, eine Geschichte starker Frauen. Rosa, die den Hof allein durch Krieg und Nachkriegszeit bringt, nur Arbeit kennt und den Sohn vernachlässigt. Dieser stellt den Betrieb komplett auf Milchwirtschaft um und Schließlich versucht seine Schwiegertochter Franziska, mit „Ferien auf dem Bauernhof“ den Hof zu retten. Sehr eindrücklich wird das harte Leben auf einem hoch gelegenen Bauernhof beschrieben, die Herausforderungen durch Naturgewalten und ökonomische Zwänge. Die Wahl zwischen Gehen und Bleiben, der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Unbedingt vor dem nächsten „Urlaub auf dem Bauernhof“ lesen!
Nelkenblatt
Yusuf Yesilöz
Limmat Verlag
2021
Elsa, eine alte, schwerkranke Frau, braucht pflegerische Betreuung. Ihre Tochter Luzia engagiert die junge Studentin Pina, die als politisch Verfolgte ihre Heimat und Familie verlassen musste und ihre sterbende Mutter nicht begleiten konnte. Nun kümmert sie sich sehr einfühlsam und respektvoll um die sterbende Elsa. Die beiden bauen schnell eine vertrauensvolle Beziehung auf. Elsa ist sehr interessiert an Pinas Leben und Lieben. Yusuf Yesilöz, der seit 20 Jahren in der Schweiz lebende Autor mit kurdischen Wurzeln, hat ein ganz zartes, poetisches Buch geschrieben, das frei von Klischees die Personen sehr authentisch schildert und die Leser*Innen berührt.
Wo die Hunde in drei Sprachen bellen
Iona Parvulesciu
Zsolnay Verlag
2021
„...so einfach war der Tod, der an den Männern hing, ersetzt worden durch das Leben, dass an den Frauen hing. Und eben so verhalten war Geschichte in unserem Haus gegenwärtig ohne dass wir sie bemerkt und als solche erkannt hätten.“ In der Geschichte des Hauses spiegelt sich ganz beiläufig die Geschichte des Landes, der Strasse mit seinen Bewohnern wieder. Zwei Weltkriege hat es überlebt, dem Abbruch zugunsten von Plattenbauten getrotzt und seine Bewohner mit mehreren Nationalitäten über mehrere Generationen beherbergt. Die Geschichte wird aus der Sicht von einem kleinen Mädchen erzählt, welches mit seiner Familie und seinen Verwandten das Haus bewohnt. Die vier Kinder erkunden die Geheimnisse des Hauses, gehen bei Onkel und Tanten ein und aus, finden Tagebücher in verbotenen Schubladen oder suchen Goldfüchslein in den Wänden. Sie erleben den Wandel der Strasse, des Hotels Aro und immer wieder spielt die Umgebung in den Karpaten eine wichtige Rolle. Mit diesem Buch ist erstmals ein Titel der rumänischen Autorin und gleichzeitig Professorin der Literatur an der Universität Bukarest ins Deutsche übersetzt worden. Es wird hoffentlich nicht das letzte sein! In einer wunderbar unaufgeregten Sprache lesen wir von einem Haus und seinen Bewohnern im ehemals deutschen Kronstadt, dem heutigen Brasov (ungarisch Brasso). Mit den Namen der Stadt sind auch schon die drei Sprachen und die Herkunft der Bewohner definiert: rumänisch, deutsch, ungarisch.
Erstaunen
Richard Powers
S. Fischer Verlag
Oktober 2021
Es ist sicher nicht sein bestes Buch, es kommt nie an die Tiefe von „Der Klang der Zeit“ oder „Das Echo der Erinnerung“ heran, dennoch berührt einen die Geschichte eines Astrobiologen, der verzweifelt versucht, seinem Jungen Robin gerecht zu werden, nachdem seine Mutter gestorben ist. Robin ist ein hochbegabter Junge mit Aspergersyndrom, welcher sich voll und ganz der Mission seiner Mutter verschrieben hat, die Welt zu retten. Er malt Plakate, demonstriert vor dem Kapitol und versucht die Menschen von seiner Aufgabe zu überzeugen. Der Vater unterstützt ihn wo er kann, neben seinem Forschungsauftrag zur Suche nach Leben auf anderen Planeten. Immer wieder kommen sie an ihre Grenzen, flüchten sich in andere Welten, in die Natur der Smokies, bis die Wirklichkeit sie wieder einholt. Dazwischen tauchen immer wieder Anspielungen auf die politischen Wirren der USA auf, ohne Namen zu nennen und ohne dass es zu einem politischen Roman wird. Schön zeigt der Roman die Verbundenheit der Familienmitglieder untereinander, wie sie zusammen leben, leiden und sich gemeinsam freuen, auch über den Tod hinaus. Sehr empfehlenswert!