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Lesetipps
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Der Horla
Guy de Maupassant
Reclam
2023
Nach langem Warten (von Seiten der Buchhandlung jedenfalls) nun endlich neu übersetzt und schöner aufgemacht denn je: Von den italienischen Balbusso-Zwillingen illustriert wird de Maupassants Novelle im Tagebuchstil atmosphärischer denn je. Der langsame Abstieg in den Wahnsinn wird unterstrichen und verbildlicht, ohne das Element der Unwissenheit zu vermindern. Denn während der Erzähler sich sicher ist, dass sein Willen im Schlaf von keinem anderen als dem Horla manipuliert wird und auch die sich selbst umblätternden Buchseiten dessen Werk sind, gibt es bei der Beweissuche ein Problem: der Horla ist nämlich unsichtbar. Die unvermeidlich scheinende Abwärtsspirale lässt auch den Leser immer wieder zwischen der Existenz des Wesens und der Unzurechnungsfähigkeit des Erzählers hin- und hergerissen.
Die Insel der Tausend Leuchttürme
Walter Moers
Penguin Verlag
2023
Als kleines Kind wurde Walter Moers zu einer langen Asthmakur auf eine Insel verschickt. Ein traumatisches Erlebnis , welches ihn zum Schreiben dieses Buches inspirierte. Darin erzählt der aus früheren Werken bekannte Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz in Briefen seinem Freund Hachmed von einem Kuraufenthalt auf der Insel Eydernorn. Alles könnte so erholsam sein, wären da nur nicht die immer bedrohlicher werdenden Begegnungen mit der örtlichen Natur: hungrigen Belphegatoren und aufdringlichen Strandlöpern, monströsen Frostfratten, schaurigen Wolkenspinnen und dem gefährlichsten Dämon aus der Tiefe des zamonischen Ozeans, dem sagenumwobenen Quaquappa. Mit seinen 635 Seiten und über hundert Zeichnungen hat Walter Moers wieder ein sagenhaftes Epos geschaffen, welches auch als Hörbuch ein Genuss ist.
Wie ein Himmel in uns. Meine Nacht alleine im Louvre
Alikavazovic, Jakuta
Hanser Verlag
2023
Mit „Wie ein Himmel in uns“ erschafft Prix Goncourt du Premier Roman Trägerin Jakuta Alikavazovic die einzigartige Atmosphäre des Louvre bei Nacht. Sie nimmt sich Zeit für Details und Betrachtungen, welche ihr, ausgestattet mit Taschenlampe und eingeschmuggeltem Nougat, plötzlich ganz anders erscheinen als inmitten der täglichen 25 000 Besuchern. Von einigen der wichtigsten Kunstschätze Frankreichs umrundet schreibt sie jedoch keinen puren Sachbericht; der Aufenthalt gibt ihr die Möglichkeit, ihre Beziehung zum verstorbenen Vater besser zu beleuchten an einem Ort, der sich zu seinen Lebzeiten zur zweiten Heimat des Exilanten entwickelt hatte. Für „Wie ein Himmel in uns“ erhielt Alikavazovic den Prix Médicis.
Empusion
Olga Tokarczuk
Kampa Verlag
2023
Ein Sanatorium für Lungenkrankheiten in Niederschlesien. Eine Herrenrunde, die auf Heilung hofft und die sich jeden Abend im Gästehaus versammeln. Mit dabei ist auch Mieczyslaw Wojnicz, ein Ingenieurstudent aus Lemberg. Während den Mahlzeiten diskutieren sie unermüdlich über Gott und die Welt und alle Gespräche führen immer wieder zur Weiblichkeit. Dabei werden den sexistischen Ansichten dieser Zeit rundum zugestimmt. Das alles erinnert natürlich sofort an Thomas Manns „Zauberberg“. Doch Olga Tokarczuk inszeniert ihre Variante mit gruseligen Zwischensphären. Es gibt wage Erzählerstimmen, namenslose Bewohnerinnen der Wände, die den Herren an den gestärkten Kragen gehen möchten. Wojnicz, der mit einem Über-Vater-Ich ringt und in einem Nicht-binären Körper zuhause ist, scheint in grosser Gefahr zu leben. Die Verbindung zwischen Natur, Weiblichkeit, Begierde und Tod ist von Anfang an präsent. Ein brillantes, weibliches Spiegelbild zum Zauberberg!
Die leeren Schränke
Annie Ernaux
Suhrkamp
2023
Sie war 34 Jahre alt als ihr Erstling „Die leeren Schränke“ 1974 im Verlag Gallimard in Paris erscheint. Weitgehend autobiografisch geprägt, erzählt Annie Ernaux die Geschichte der zwanzigjährigen Literaturstudentin Denise Lesure. Zu Beginn des Romans sitzt Denise in ihrem Zimmer und wartet, dass der Körper die Abtreibung vollzieht, welche eine Engelmacherin im Verborgenen eingeleitet hat. Nach und nach erzählt Denise ihre Geschichte. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen zwischen dem Laden ihrer Mutter und der Kneipe ihres Vaters, studiert sie anschliessend Literatur. Schonungslos und drastisch erzählt sie vom Abgrund, der zwischen ihrer Herkunft und der bürgerlichen Welt besteht. Annie Ernaux befasst sich in ihrem ersten Buch bereits mit vielen Themen, die sie in ihren späteren Werken ausarbeitete. Ein hartes, aber absolut lesenswertes Buch!
Gewässer im Ziplock
Dana Vowinckel
Suhrkamp Verlag
2023
Ein Sommer zwischen Berlin, Chicaco und Jerusalem, geprägt von grossen und kleinen Lügen, Glücksmomenten und Enttäuschungen. Mittendrin die 15-jährige Margarita. Aufgewachsen bei ihrem alleinerziehenden Vater, der in Berlin in einer jüdischen Gemeinde die Gebete leitet, wird sie in den Sommerferien nach Chicago zu ihren Grosseltern mütterlicherseits geschickt. Diese möchten ihr Ferien mit ihrer abwesenden Mutter ermöglichen und kaufen ihr kurzerhand ein Ticket nach Jerusalem. Gleich nach der Ankunft geht alles schief und auch die gemeinsame Reise von Mutter und Tochter steht unter einem schwierigen Stern. So beginnt eine rasante Familiengeschichte, die die Familienmitglieder zwingt, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Dabei wird die Geschichte mal aus der Sicht von Margarita, mal aus der Sicht des Vaters erzählt. In ihrem Debütroman trifft Dana Vowinckel die Sehnsüchte und Nöte von Teenagern meisterhaft und auch die Eltern werden sich in diesem Roman wiedererkennen!
Treue Seele
Castle Freeman
Hanser
2023
Mit einer herrlichen Ironie und Nonchalance erzählt Castle Freeman im Buch „Treue Seelen“ den langen Weg bis zu einer Hochzeit im hinterwäldlerischen Vermont. Mit pointierten Dialogen zeichnet er die Figuren, die einem schnell wie gute, alte Freunde erscheinen.
Seebeben
Djaimilia Pereira de Almeida
Unionsverlag
2023
Sensibel und ohne zu urteilen erzählt Djaimilia Pereira de Almeida in einer poetischen Sprache von den Gestrandeten dieser Stadt. Es ist eine Geschichte von Sehnsucht, Träumen und Reue. Der alte Boa Morte zieht durch die Gassen Lissabons und schlägt sich als Parkwächter durch. In einem Brief an seine von ihm verlassene Tochter hält er seine Erinnerungen fest. Ursprünglich aus Südangola, hat er den Portugiesen im Überseekrieg gedient, bevor er sein Glück in den Strassen Lissabons suchte. Glück bedeutet für ihn, wenn er seine Freundin Fatima aus ihrer Fantasiewelt zurückholen konnte und ihnen zu Füssen die Lichter der Stadt entgegenstrahlen. Glück bedeutet für ihn auch, sich um seine Kürbisse zu kümmern. Und doch senkt sich manchmal seine Vergangenheit wie ein dunkler Schleier über ihn.
Blue Skies
T.C. Boyle
Hanser
2023
Die eine Hälfte der Welt steht unter Wasser, die andere war ausgedörrt und es gab eine Missernte nach der anderen. „Der Planet stirbt, siehst du das nicht?" mit diesem Satz bringt Cooper seine Mutter Ottilie dazu, Insekten zu essen und einen Grillen-Brutkasten anzuschaffen. Aus Plexiglas, wohlgemerkt, damit man den Larven beim Wachsen zusehen kann. Seine Schwester Cat kauft sich aus einer Laune heraus eine Tigerpython namens Willie, eine Würgeschlange, die sie sich als Schmuck um den Hals hängen möchte. Schon in der ersten Nacht verschwindet die Schlange aus dem Terrarium… Mit einer unglaublichen Ironie stellt T. C. Boyle in seinem neuen Roman unser Verhältnis zur Umwelt in Frage. Er zeichnet das Bild einer normalen US-Familie, im alltäglichen Kampf gegen die Klimakrise, in dem sich die kleinste Widrigkeit wie ein Zeckenbiss zur Katastrophe ausweiten kann. Es ist kein besserwisserischer Klimaroman, dafür ist Boyle viel zu clever, sondern er beschreibt mit viel Witz und einer Nonchalance, wie wir unserem Ende zusteuern. Mit einem Fünkchen Hoffnung!
Brüderchen
Clara Dupont-Monod
Piper
2023
„Brüderchen“ ist eine Geschwistergeschichte. Die Geschichte einer namenlosen Familie in einem Dorf in den Cevennen, bestehend aus Mutter, Vater, grossem Bruder, Schwester und eben dem Brüderchen, das als drittes Kind mit einer schweren Behinderung das Gleichgewicht in der Familie verändert. Erzählt wird die Geschichte von den Mauersteinen des Hauses, in dem sich alles abspielt. Der 10jährige grosse Bruder entwickelt eine tiefe Zuneigung für das Brüderchen und kümmert sich voller Hingabe, während die Schwester dem Brüderchen die Schuld gibt, ihr den grossen Bruder genommen zu haben. „ … er zog alle Energie auf sich. Die der Eltern und die ihres Bruders. Die Eltern kämpften, der Bruder verschmolz. Für sie selbst blieb nicht übrig, keine Kraft, die sie hätte tragen können.“ Als die Betreuung in der örtlichen Krippe nicht mehr möglich ist, kommt das Brüderchen in ein weit entferntes christliches Heim, wo es liebevoll von Nonnen betreut wird. Für den grossen Bruder zerbricht eine Welt, die Schwester fühlt sich befreit. Irgendwann stirbt das Brüderchen, der grosse Bruder bleibt als Einzelgänger zurück, die Schwester findet ihr Glück in Portugal und die Eltern ordnen ihr Leben neu, ohne das dritte Kind zu vergessen. Als die Geschwister längst erwachsen sind, bekommen die Eltern noch einmal einen Sohn. Der Nachgeborene ist das sensible Abbild des grossen Bruders wie auch des toten Kindes. Die Autorin schildert die Charaktere der Geschwister sehr authentisch und beschreibt auch die Natur in dieser französischen Bergregion wunderbar poetisch. Ein bemerkenswerter Roman über ein fragiles und gleichzeitig robustes Familiengefüge.
Carapax
Lisa Ginzburg
Nonsolo
2023
Zwei Schwestern – zwei Waisen, die keine sind – leben alleine mit ihrem Kindermädchen in einer Wohnung in Rom. Abwechslungsweise treffen sie die Eltern an den Wochenenden. Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können, die jedoch durch fast symbiotische Gefühle miteinander verbunden sind und sich in dieser unermesslichen Leere Halt geben müssen. In diesem Roman beschreibt Lisa Ginzburg das Aufwachsen der beiden Mädchen, ihre Strategien, wie sie in dieser unhaltbaren Situation überleben und wie sich ihre Kindheit auf ihr Erwachsenenleben auswirkt. Es ist auch eine Geschichte, die zeigt, auf welch starken Beziehungen familiäre Strukturen gründen. Nicht umsonst wurde es für den Premio Strega in Italien vorgeschlagen!
Die spürst du nicht
Daniel Glattauer
Hanser Verlag
2023
Daniel Glattauer erzählt die Geschichte eines Unglücks, das juristisch keine Schuldigen hat, aber moralisch. Ayana, ein geflüchtetes Mädchen aus Somalia, besucht die Schulklasse von Sophie Luise, die zwar eine gute Schülerin, aber ebenfalls eine Aussenseiterin ist. Sophie Luises Mutter Elisa, eine bekannte Grün-Politikerin, erkämpft sich die Zustimmung von Ayanas Eltern, das Mädchen mit in den Toskanaurlaub zu nehmen. Mit einer befreundeten Familie reist man in eine Luxusvilla. Gleich am ersten Abend kommt es zur Katastrophe – Ayana ertrinkt im Pool. Aus verschiedenen Perspektiven beschreibt der Autor die Reaktionen und Gefühle der anwesenden Personen, ihre persönlichen Probleme und ihren Umgang mit dem Unglück. Da ist die Grün-Politikerin, die den schonungslosen Kommentaren im Netz ausgesetzt ist, die in der Schule gemobbte Sophie Luise, die nun in einer Internetbekanntschaft Halt und Trost findet, Elisas Freundin, die sich verzweifelt mit der Schuldfrage beschäftigt und die Männer beider Familien, die ganz rational damit umgehen. Als Ayanas Familie gerichtlich eine hohe Summe Schadensersatz einklagen will, versucht Elisas Mann mit Hilfe eines Top-Anwalts das Problem mit finanziellen Mitteln zu lösen. Am Ende erfahren wir Ayanas Geschichte, mit diesem Wissen wäre das Unglück nicht geschehen. Glattauer hat einen kritischen Roman über wichtige und tragische Themen in unserer Gesellschaft geschrieben ohne dabei auf Humor zu verzichten.
Bäume
Percival Everett
Hanser Verlag
2023
Eine mysteriöse Mordserie, die im Städtchen Money in Mississippi beginnt und sich schlussendlich auf ganz Amerika ausweitet, setzt die USA in Angst und Schrecken. Jede Leiche ist weiss, auf brutalste Weise ermordet, ähnlich wie die Lynchmorde in den 50/60-er Jahren. Neben der weissen Leiche findet die Polizei stets einen weiteren Körper, der die Züge von Emmett Till, eines 1955 gelynchten schwarzen Jungen, trägt und der der Polizei immer wieder abhanden kommt. Zwei afroamerikanische Detektive ermitteln, doch der Sheriff sowie eine Gruppe weisser Rassisten setzen ihnen erbitterten Widerstand entgegen. Bei der Aufklärung der Morde suchen die Ermittler immer wieder Mama Z auf, die seit Jahrzehnten Buch über die Opfer der Lynchjustiz in Money führt. Der neue Roman von Percival Everett ist eine atemberaubende Mischung aus Thriller und Parodie, der die Trump-Befürworter immer wieder auf die Schippe nimmt und den ständigen Rassismus in den USA anklagt. Trotz der Brutalität der Morde ist es durch die umwerfende Komik in den einzelnen Passagen immer wieder ein herrliches Lesevergnügen.
Diese wilde Freude in mir
Samantha Silva
dtv
2022
In ihrem historischen Roman „Diese wilde Freude in mir“ (Original: Love & Fury) verfolgt Samantha Silva das Leben der Mary Wollstonecraft. Ihr Name wird heute oft eher mit ihrer Tochter, der Autorin Mary Shelley, in Verbindung gebracht, wobei sie eine der ersten engagierten Frauenrechtlerinnen war und ihr Werk fundamental für den modernen Feminismus ist. Bei Beginn des Buches steht Mary kurz vor der Entbindung ihrer zweiten Tochter. Der Hebamme Mrs. Blenkinsop ist schnell klar, dass es sich um eine schwierige Geburt handelt. Zur Ablenkung schlägt sie Mary vor, sie solle doch ihrem Neugeborenen von sich selbst und der Welt erzählen und während den elf Tagen, in denen Mrs. Blenkinsop nun um das Leben von Mutter und Kind kämpft, erfahren wir in einem zweiten Handlungsstrang von Marys Geschichte. Die problematische Familie, in der sie aufwächst, zeigt ihr früh, wieso sie selbst niemals von einem solchen Rollenbild abhängig sein möchte. Fortan schreibt sie gegen diese allgegenwärtigen aber trotzdem unausgesprochenen Ungerechtigkeiten an, tauscht sich mit anderen Revolutionären Geistern wie Heinrich Füssli, Joseph Johnson und nicht zuletzt William Godwin aus, den sie schlussendlich auch heiratet. Im Allgemeinen liest sich das Buch gut, ist dabei aber nicht banal geschrieben. Wir empfehlen es jedem, der mehr über die Geschichte des modernen Feminismus erfahren möchte und/oder generell gerne Bücher im biografischen Stil liest!
Sibir
Sabrina Janesch
Rowohlt
2023
„Sibir“ ist die Geschichte zweier Kindheiten. Die des Josef Ambacher, der als 10jähriger mit seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg wie hunderttausende Wolgadeutsche nach Zentralasien umgesiedelt wird, dabei Bruder und Mutter verliert und die seiner Tochter Leila in den 90er Jahren in Norddeutschland nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sabrina Janesch beschreibt in ihrem autofiktionalen Roman die Erlebnisse ihres Vaters Josef in der Steppe von Nowa Karlowa, seine Freundschaft mit dem kasachischen Jungen Tachawi, den entbehrungsreichen Alltag, Josefs unentwegte Suche nach der verschwundenen Mutter und wie er heimlich deutsche Wörter sammelt, Reste alter deutschsprachiger Zeitungen unter dem Fußboden versteckt. 10 Jahre nach der Verbannung kann die Familie in die BRD umsiedeln, wo Josef in einer Norddeutschen Kleinstadt später seine Frau, eine Polin kennenlernt und die Tochter Leila aufwächst. Am Stadtrand wohnen die Familien der Rückkehrer, die doch keine Rückkehrer sind, weil sie nie hier lebten sondern aus einer Gegend kamen, die nun zur Sowjetunion gehört, sie nennen sich die „Altsibirer“ und treffen nun in den 90er Jahren auf die Neuaussiedler aus Kasachstan. Leila erforscht das Umfeld der Siedlung und der Schule mit ihrem Freund Arnold und macht, abgesehen von Hunger und Kälte, ähnliche Erfahrungen wie ihr Vater. Janesch erzählt die Handlung auf zwei Zeitebenen, sie macht dies so geschickt, dass es sehr stimmig und flüssig zu lesen ist. Ein lesenswertes Buch, in dem wir viel über das Leben der deutschstämmigen Zivilgefangenen in der Sowjetunion und das der Aussiedler erfahren, was so in den Geschichtsbüchern kaum vorkommt.
Frankie
Michael Köhlmeier
Hanser
2023
Der 14jährige Frank ist der Erzähler in Michael Köhlmeiers Roman. Ein sympathischer Junge, der mit seiner Mutter den Alltag in bescheidenen aber wohl geordneten Verhältnissen in Wien meistert. Sie genießen die gemeinsamen Fernsehabende, Frank kocht gerne für sich und seine Mutter, die als Garderobiere an der Oper arbeitet. Diese Idylle wird gestört, als Frank mit seiner Mutter den Großvater aus dem Gefängnis abholt. 18 Jahre hat dieser dort verbracht. Frank erfährt weder den wahren Namen seines Großvaters noch etwas über das Kapitalverbrechen, das dieser begangen hat. Seine Mutter hat große Angst vor ihrem Vater, doch Frank ist hin und her gerissen zwischen Abscheu und Faszination. Er sucht und findet Zugang zu diesem harten, zynischen Kerl, der ihn Frankie nennt und selbst nicht Opa genannt werden will. Frank hat keine gleichaltrigen Freunde, keinerlei Kontakt zu seinem Vater und so gerät er in den Bann des Großvaters, was nichts Gutes verheißt. Für den Teenager ist das Böse verlockend und die Geschichte erlebt eine unheilvolle Wendung als er zu diesem Ex-Knacki in ein gestohlenes Auto steigt. Ein Revolver ist ebenso im Spiel. Das Buch ist zuerst Familienroman, dann Roadmovie und am Ende ein Thriller. Köhlmeier erzählt kurzweilig, sehr spannend und auf den knapp 200 Seiten hinterlässt er Lücken, die dem Leser den nötigen Raum lassen für die eigene Phantasie. Am Ende bleibt die Leserin beeindruckt und verstört zurück.
Das glückliche Geheimnis
Arno Geiger
Hanser Verlag
2023
Beim Wort Doppelleben spitzen alle die Ohren und stellen sich eine zweite Familie, eine Geliebte oder ein Leben als Spion vor. Bei Arno Geiger ist es nichts dergleichen. Ich verrate jedoch nicht, was es war, nur soviel: Indem er sein Geheimnis lüftet, erzählt er über seine letzten 30 Jahre. Davon, dass er Dinge tat, die andere unterlassen. Wie gewunden, schmerzhaft und überraschend Lebenswege sein können, wie er als junger Schriftsteller gegen eine Mauer rannte, bevor der Erfolg kam und wie es ihn prägte. Wie er zu einer Menschenkenntnis kam, die andere nie auf diesem Weg erfahren. Mit grosser Offenheit berichtet er von Anläufen und Enttäuschungen, vom Finden und Wegwerden, von der wachsenden Sorge um seine Eltern und schliesslich vom Glück des Gelingens.